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Stadt im See: Kastoria

Wer das "andere" Griechenland, weitab von Strand und Meer, entdecken möchte, sollte nicht versäumen, Kastoria zu besuchen. Die Kleinstadt im Nordwesten Griechenlands gehört zum gleichnamigen Regierungsbezirk in Westmakedonien und liegt knapp 200 km entfernt von Thessaloniki. Wie eine imaginäre Acht schmiegt sich die Stadt (620 m über dem Meeresspiegel) vom westlichen Seeufer der Halbinsel in den Orestiada-See hinein. Es ranken sich einige Mythen um den Namen dieser Stadt zu Füßen der eindrucksvollen Bergmassive des Grammos und des Bitsios, wobei mir der naheliegendste am besten gefällt: Die Stadt des Bibers. Doch dazu später mehr.

Im Spätsommer 2019 machten wir uns auf den Weg nach Kastoria auf die Spuren einer fast vergessenen Zunft und den schlafenden Alexander den Großen. Doch wir entdeckten noch viel mehr auf unserer kleinen Reise, fernab des Massentourismus.Über die Schnellstraße E 90, welche uns von Thessaloniki nach Kastoria führte, fuhren wir vorbei an Veria und Kozani, um uns der Stadt im See über Ampelokipi zu nähern. Kurz hinter Dispilio, der letzten Ortschaft vor Kastoria, fuhren wir bereits am Seeufer entlang, um zum Stadtzentrum zu gelangen. Immer wieder erhaschte mein neugieriger Blick den See mit seiner silbrig glänzenden Oberfläche, verursachte durch die Sonnenstrahlen, zwischen den dicht am Ufer stehenden Bäumen. Am letzten Rastplatz, bevor man ins Zentrum hineinfährt, hielten wir an. Umrahmt von den Bäumen links und rechts neben mir, wirkte der See wie ein eingerahmtes Gemälde. Die Wolken über den Bergen spiegelten sich im stillen See wieder, an den Uferrändern wiederum waren es die wie übereinandergestapelten Häuser mit ihren ziegelsteinroten Dächern und den immer wieder emporragenden Kirchsturmspitzen.

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Es gab viel zu entdecken und so stand einiges auf meiner Wunschliste für die nächsten Tage. Zwischen all den Kirchen (Kastoria hat 72 an der Zahl), Museen, Herrschaftshäusern der Altstadt, der Drachenhöhle, dem neolithischen Ort Dispilio, dem Kloster Panagia Mavriotitssa und dem Aufstieg zum Propheten Illias kehrten wir in die vielen kleinen, urigen Tavernen an der Uferpromenade ein, die uns mit ihren ursprünglichen, aber auch kreativen Ideen überzeugten. Die friedliche Atmosphäre dieses Ortes, in dem Gänse- und Pelikangeschnatter sowie das Gequake der Enten und Frösche zum Alltag gehören wie das Glockengeläute der Kirchen, legt sich bereits nach wenigen Stunden auf die Seele und lässt sie zur Ruhe kommen. In wenigen Tagen, wenn der Herbst Einzug hält, begeben sich auch die Kraniche mit ihrem trompetenartigen Ruf auf ihren langen Weg gen Osten, um im Frühjahr wiederzukehren in dieses Naturparadies am See. Mit ihnen ziehen die Störche ebenfalls in wärmere Gefilde.

Doch begeben wir uns zunächst auf die Spuren einer Botschaft aus dem Neolithikum und fahren dafür hinaus aus der Stadt nach Dispilio, dem Museumsdorf am Seeufer. In dem kleinen Ort Dispilio findet man ein Schild am linken Rand der Hauptstraße, welches den Weg zum Dorf kennzeichnet. (Wie immer ein sehr winziges Schild, als genau hinschauen.)  Wir schließen uns einer Führung an, die auf Griechisch und Deutsch stattfindet. Die kleinen runden Holzhütten, die zum Teil auf Stelzen im See gebaut wurden, sind den Fundstücken der Ausgrabungen von 1992 nachempfunden und verschaffen einen imposanten Eindruck, wie die Menschen hier auf einer untergegangenen Insel im Orestiada-See vor über 7000 Jahren gelebt haben. Bei diesen Grabungen wurde auch die berühmte Holztafel von Dispilio mit ihren Glyphen entdeckt, die seitdem zu den ältesten Schriftbeispielen Europas gehört.Doch was wäre Griechenland ohne Mythen? So erzählt ein alter Mythos, dass Orest Gründer dieser Stadt gewesen sein soll. Jener schenkte die Stadt seiner Schwester Elektra, der Strahlenden. Von ihm erhielt der See seinen Namen.Um zu der Drachenhöhle zu gelangen, fuhren wir (auf Kastoria schauend) rechts herum, da die andere Route auf halber Strecke gesperrt ist, um weiter fahren zu können bis zur Höhle. Entfernt man sich von der Promenade des Seeufers, dem Herzstück von Kastoria, fühlt man es förmlich, wie sich Flora und Fauna eng umarmen vor dieser grandiosen Kulisse des Sees, auf dem kleine Boote, die an den Einbaum (Monoxylon) uralter Völker erinnern, sanft im Seewasser zwischen Seerosen und im Wasser badender Enten hin und her wippen. Unsagbare Ruhe umgibt diesen Ort, wie eine Prinzessin im Winterschlaf, die darauf wartet, wachgeküsst zu werden. Hier und da sieht man Angler am Ufer, die sich mit den im Sonnenlicht schlafenden Katzen die Ufermauer teilen. Vögel werden aufgescheucht, von irgendwo hallt griechische Musik.

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Auch die Drachenhöhle im Norden von Kastoria umgibt ein Mythos, wie kann es anders sein. Vor vielen Ewigkeiten war die Höhle eine Goldmine, die von einem Drachen behütet wurde, der aus seinem Rachen Flammen spie, welche die Luft vergifteten.Wir schließen uns einer kleinen Führung an und begeben uns in die Höhle, welche an die Höhlen von Petralona, Alistrati oder die am Aggistis erinnert. An sieben unterirdischen Seen, zehn Sälen und fünf Gängen führt uns die kleine Wanderung vorbei, wobei der größte Saal der Höhle ein Maß von 45 x 17 Meter aufweist und an den Ausläufern in einem der unterirdischen Seen endet. Kalt ist es in der Drachenhöhle, wie in allen Höhlen, bei einer Temperatur von 16 bis 18 Grad und einer Luftfeuchtigkeit bis zu 90 %. Nur so kann die Höhle "weiterleben" in ihrem eigenen System und Tieren, die das menschliche Augen nicht auf Anhieb wahrnimmt, die nötigen Lebensbedingungen liefern. Zwischen den einzelnen Etappen hallt esoterische Musik durch die dunkle, feuchte Welt des Drachens, welche im Einklang mit den Lichteffekten die Illusion weckt, der Drache würde irgendwo in einer finsteren Ecke schlafen. Im Inneren der Höhle fanden Höhlenforscher paläontologische Knochenrückstände des Höhlenbärs (Ursus Speleaus), welcher in Europa vor ca. 10.000 Jahren lebte.

Wer Kastoria in seiner ganzen Pracht, sich über die Halbinsel des Sees langgestreckt, sehen möchte, muss den Aufstieg zur Kirche des Propheten Illias in Kauf nehmen. Ganze zwei Stunden marschierten wir durch die engen Gassen und Gässchen mit ihren Herrschaftshäusern aus osmanischer Zeit und den ständig aus dem Nichts auftauchenden kleinen Kirchen hinauf zu dem letzten Café, bevor der Weg steil bergauf zu Kirche des Propheten führte. Herumlaufende Katzen und streunende Hunde begleiteten uns ein Stück des Weges, genauso wie kleine Gespräche über die Balkonbrüstung hinweg neugieriger Griechen, die irgendwann in ihrem früheren Leben ein paar Monate oder Jahre in Deutschland gearbeitet hatten. Etwas abgekämpft und außer Puste erreichten wir die Anhöhe, auf der sich die Kirche des Propheten befand. Belohnt wurden wir für den Fußmarsch, man hätte auch das Auto nähmen können, mit einem grandiosen Blick über die Stadt im See, die mit keiner Stadt in Griechenland zu vergleichen ist. So harren wir eine ganze Weile dort aus, lassen den Blick hinüber zu den Bergen schweifen, die Griechenland von Albanien trennen, um dann im Häusermeer zwischen hochgeschossenen Bäumen und weißen Kirchturmspitzen hängen zu bleiben.

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